Die "Dunkle Wanderung" im Siebengebirge
22. August 2009
von Thomas Brumann und Taubblinden-Assistentin Michaela Köster
Größere Version des Bildes anzeigen [189 kB]
Der Ausflug
Die Selbsthilfegruppe (SHG) Taktil-Treff Köln hatte dieses Angebot für taubblinde und hörsehbehinderte Menschen ermöglicht, dass die taubblinden und hörsehbehinderten Menschen selbstständig ohne Hilfe ihrer Begleitpersonen und Assistenten bei der "Dunklen Wanderung" teilnehmen konnten. Dieser Ausflug wurde von Georg Cloerkes organisiert und durchgeführt.
Die "Dunkle Wanderung" fand am Samstag, den 22. August 2009 auf dem Drachenfels im Siebengebirge am Rhein statt - unweit von Königswinter.
Am frühen Morgen trafen meine Assistentin Michaela K. und ich und einige andere Teilnehmer und deren Begleitpersonen bzw. Assistenten im Hauptbahnhof Essen ein. Das war die erste Gruppe. Wir stiegen dann in den Regionalzug ein. Im Zug waren noch ein paar Leute aus Dortmund und Mülheim an der Ruhr, die zu unserer Gruppe gehörten. Nach einer Stunde reibungsloser Fahrt trafen wir pünktlich im Hauptbahnhof Köln ein. Dort trafen wir mit der zweiten Gruppe zusammen. Dann ging es weiter mit dem Regionalzug in Richtung Koblenz. Zuerst verlief die Fahrt sehr gut. Doch plötzlich steckte der Zug irgendwo auf einem kleinen Bahnhof in der Nähe von Bonn fest... Wir saßen in diesem Zug fest! Aber wir waren alle noch ruhig und fröhlich. Wir hatten alle gute Stimmung und schöne aufregende Unterhaltung. Dann merkten wir alle, dass mit diesem Zug etwas nicht stimmte. Unsere hörenden Begleitpersonen haben erfahren, dass unser RE-Zug totalen Stromausfall hatte... Wir alle mussten nach einer Entscheidung des Ausflugsorganisators aus dem Zug aussteigen, um zu Fuß zum nächsten Bahnhof Königswinter zu gehen, konnten jedoch zum Riesenglück schnell in unseren Zug zurück einsteigen, als unerwartet der Strom allmählich wiederkam. Der Zug brachte uns doch nach Königswinter. Mit der Verspätung kamen wir in Königswinter an. Dort trafen wir noch die dritte Gruppe, die sich uns anschloss. Jetzt waren wir komplett: 17 Taubblinde und Hörsehbehinderte und 16 Assistenten/innen und Begleitpersonen, insgesamt 33 Personen.
Wir gingen vom Bahnhof Königswinter zur Talstation der Drachenfelsbahn. Dort mussten wir eine kurze Weile warten, bis die Zahnradbahn an der Station eintraf. Wir stiegen ein und nahmen im Waggon Platz. Ich schätze, dass der Waggon bis zu 60 Sitzplätze hat. Die Zahnradbahn ist schon ältere Bauart, aber schön und fast schon antik! Museumsreif!
Die Drachenfelsstrecke ist etwa 3 Kilometer lang. Der Unterschied der Steigung von unten nach oben beträgt 220 Meter. Die starke Steigung oder das Gefälle betragen bis zu 22 Prozent. Auf dem Weg zum Drachenfels hielt die Drachenfelsbahn in der Zwischenstation an, um zu warten, bis die andere Zahnradbahn vom Bergstation vorbeigefahren war. Danach erreichten wir die Bergstation auf dem Drachenfels. Der Drachenfels befindet sich 321 Meter hoch über dem Meeresspiegel. Wir stiegen an der Bergstation aus. Wir standen vor der Bergstation auf einem großen Platz und sahen dort den schönen Rhein. Wir staunten nicht schlecht: Dort stand auch eine Pferdekutsche... Meine Assistentin Michaela K. zeigte mir den schönen Rhein. Sie erklärte mir mit der taktilen Gebärdensprache, die verschiedenen Formen der Ufer am Rhein. Dann wurden die gelben Baseballkappen mit 3 schwarzen Punkten an einige taubblinden und hörsehbehinderten Teilnehmern verteilt. Sehrestler bekamen eine schwarze Augenbinde für beiden Augen. Dann gingen wir zum Start oder Anfang des Wanderwegs vom Drachenfels bis zum Milchhäuschen. Die freiwillligen Teilnehmer und deren Begleitpersonen und Assistenten/innen haben sich in einer Reihe aufgestellt vor dem Start am Wanderweg, während die anderen Teilnehmer, die nicht bereits die "Dunkle Wanderung" antraten, als Zuschauer mitfolgten. Jeder Teilnehmer mit der Begleitperson durfte in einigem Abstand zu seinem Vordermann los wandern. Als ich an den Start kam, dachte ich zuerst: "Schaffe ich überhaupt wirklich diese Herausforderung auf diesem Wanderweg, den ich zuvor noch nie in meinem Leben gewandert bin! Sah gar nichts vor meinen Augen, weil ich die Augenbinde hatte..."
Dann war ich dran und lief los... Zuerst war der Wanderweg gut asphaltiert - die Leitlinie rechts am Weg war sehr leicht zu fühlen oder tasten. Es war eine lange harte Kante oder Mauer. Mein Langstock hatte das kleine weiße Rollrädchen aus festem Kunststoff. Meine Assistentin Michaela K. ging neben mir - ohne Berührung und ohne Hilfe von ihr! Ich ging ganz alleine auf diesem Weg. Ich war vollkommen auf mich selbst gestellt. Ich hatte wirklich keine Angst und fand diese Herausforderung sehr spannend und interessant! Nach ein paar hundert Meter war aber dann die sehr gut tastbare Leitlinie zu Ende und unterbrochen. Dann blieb ich stehen und suchte die neue Leitlinie und fand sie auch ein bisschen später zwischen dem Sandweg und dem Waldrasen. Das war also der Pfad. Diese Leitlinie war natürlich für mich ein bisschen schwieriger. Manchmal kam ich vom Pfad ab - doch meine Assistentin Michaela K. war sehr zuverlässig und hatte mich immer im Auge. Sie schob oder drückte mich leicht zum Pfad zurück, so dass ich mein Wandern problemlos fortsetzen konnte. Ein wenig später kam ich an einen Abzweig. Dieser führte an einem umgefallenen Baumstamm über einer Wiese zum anderen Wanderweg. Da diese Wiese vor mir lag, fand ich natürlich nicht sofort diesen Baum. Aber Michaela K. hatte dies sofort bemerkt und führte meinen Langstock ganz leicht zum Baumstamm und ließ mich wieder los. So konnte ich an diesem Baumstamm vorbei entlang gehen.
Kurz nach dem Ende des Baumstamms fand ich schnell den neuen weiteren Weg. Dieser neue Weg war auch der Pfad durch den tiefen Wald. Obwohl meine Augen völlig mit der Augenbinde geschlossen waren, konnte ich sehr gut spüren, dass es sich um einen tiefen Wald handelte. Ich konnte die Kiefernzapfen, Kiefern, Tannen und Bäume sehr gut riechen... Ich fand auch auf diesem Pfad einige Holzbänke. Alle Bänke, Abzweige und Gabelpunkte sind auf der Braillenskizze gut zu erkennen, die Georg Cloerkes ausgefertigt hatte. Die Braillenskizze war auf einem Zettel aus elastischem Kunststoff. Ich ging weiter ganz alleine auf dem Wanderpfad. Doch ich bemerkte, dass dieser Weg immer schwieriger wurde... Immer mehr Steine... viele unterschiedliche Steine! Weiche, harte, kleine, große, spitze Steine. Ich musste meine Wandergeschwindigkeit erheblich drosseln. Ich stieß dann auf das erste Hindernis. Das war ein anderer Teilnehmer, der oder die noch langsamer gehen musste als ich. Da schob meine Assistentin Michaela K. mich zur Seite. Nur so konnte ich problemlos an meinem Vordermann vorbeiziehen. Unterwegs überholte ich noch 4 weitere vor mir Laufende. Der Wanderweg war sehr schwierig geworden. Hier war der Ausgleich des Körpergleichgewichts stark in Anspruch genommen. Wenn ich auf vielen verschiedenen Steinen lief, musste ich darauf achten, dass mein Gleichgewicht stimmt! Ich kam immer näher an das Ziel zum Milchhäuschen.
Der Pfad wurde immer mehr steinfrei und kurz vor dem Ziel wieder sehr leicht begehbar. Ich kam schließlich mit Michaela K. ins Ziel. Dort standen schon einige andere Teilnehmer mit ihren Assistenten. Kein Wunder, sie waren ja auch als erste am Start losgesprintet wie 100- Meter-Sprinter Powell oder Bolt aus Jamaika. Gelächter... Ich traf mit ihnen zusammen und wir warteten, bis der letzte Teilnehmer endlich am Ziel eintraf. Bis dahin hatten wir uns gut erholt und schöne Unterhaltung. Wir haben alle nach dem anstrengenden, aber wunderschönen Wandern geschwitzt... Die Sonne lachte am blauen wolkenlosen Himmel - bei über 25 Grad sehr warm! Wir waren dann wieder die komplette Gruppe. Wir gingen alle auf die Terrasse am Milchhäuschen, wo wir unsere Plätze einnahmen. Alle konnten sich das Essen und die Getränke aussuchen. Alle hatten großen Hunger und Durst nach dem anstrengenden Wandern! Alle konnten die Augenbinden wieder entfernen. Wir blieben ca. 2 Stunden auf der Terrasse am Milchhäuschen. Alle hatten viel Spass und Freude beim Ausspannen und Unterhalten. Dann mussten wir wieder aufbrechen ... Wir wollten weiter wandern!
Wir gingen über verschiedene Wegen durch die Wälder im Siebengebirge vom Milchhäuschen über Königswinter bis zur Schiffsanlegestelle am Rhein. Dieser zweite Wanderweg war ca. 3 Kilometer lang. Wir gingen fast bergab runter. Die Gefälle war bis zu 20 Prozent, hatte mir die Begleitperson Barbara erzählt. Barbara beschrieb und schilderte mir die schönen Berge, Hügellandschaften und den Rhein. Barbara führte mich kurz zu einem Weinberg. Sie nahm meine Hand und legte sie auf kleinen Weintrauben. Ich habe sie sofort erkannt: Das ist ja eine Rebe. Die grünen Weintrauben sind noch klein und noch nicht reif. Wahrscheinlich erst im Oktober. Das erinnerte mich an meinem Urlaub vor 8 Jahren im Südwesten von Ungarn am Plattensee. Dort habe ich auch unzählige Weinberge gesehen. Schön, dass ich diese Reben berühren durfte, dank Barbara!
Michaela K. zeigte mir auch das schöne Schloss Drachenberg. Sie beschrieb mir das Schloss, wie es aussieht. Unterwegs war auf dem Weg zum Rheinschiff eine sehr lange alte niedrige Mauer. Viele von uns und ich auch saßen auf der Mauer und machten eine kurze Verschnaufspause. Wir haben uns wieder über viel Schönes unterhalten. Viele machten gegenseitig Fotos mit ihren Kameras. Wilde Knipsjäger! Gelächter...
Von der Mauer aus konnten wir den wunderschönen Rhein sehen - es gab traumhaftes Bilderbuchwetter!!! Wir gingen kurz darauf in die Kleinstadt Königswinter. Hier mussten sich die Gruppen trennen. Zwei kleine Gruppen mussten ihre Heimfahrt in Richtung Bonn und Essen antreten. Sie konnten leider nicht mehr mit uns auf dem Schiff mitfahren, sie wohnen zu weit weg. Sehr schade... Wir haben uns verabschiedet.
Wir kamen in der kleinere gewordenen Gruppe in Königswinter an der Anlegestelle sehr gut an. Das Schiff fuhr gegen 18 Uhr ab. Wir mussten noch ein bisschen warten, bis das Rheinschiff aus der Richtung Koblenz andockte. Wir staunten nicht schlecht: Jemand ließ uns zuerst vor in das Schiff, obwohl vor dem Schiff hunderte Menschen in einer Schlange warteten. Auch auf dem Deck des Schiffes und im Schiff waren sehr viele Leute! Michaela K. und ich gingen mit Ralf B. und seinem Assistenten Marcel W. nach oben zum Deck. So ein Glück: Viele Stühle waren noch frei! Wir nahmen hier unsere Plätze ein. Außerdem genossen wir die lachende Sonne und den interessanten Blick. Das Schiff war "KD-Rheinschiff". Dieses Schiff gehört der KD = Kölner-Düsseldorfer Rheinschiffs AG. Der Name des Schiffs, mit dem wir fuhren, trägt einen sehr bekannten, sehr stolzen Namen: "Stolzenfels". Ich habe diesen Name schon einige Male gehört. Der Stolzenfels war sehr groß und weiß. Wieviele Passagiere das Schiff aufnehmen kann, weiß ich leider nicht.
Ich schätze selbst auf 1.000 Passagiere. So groß war das Schiff wirklich! Unterwegs auf dem Rhein fuhren wir in Richtung Köln. Wir sahen auch die Stadt Bonn an beiden Ufern. Michaela K. zeigte mir auf einem Ufer das Glasmonster. Ein riesiges wahnsinniges Glasgebäude mit Türmen. Dieser Bau hatte wohl Millionen gekostet ... Dieses Gebäude gehört nämlich der deutschen Telekom...
Michaela K. schilderte mir noch viele weiteren Gebäude und Städte an beiden Rheinufern. Um 20:15 Uhr erreichten wir die Anlegestelle Köln mit kleiner Verspätung. Wir haben die wenige Mitfahrenden schnell verabschiedet und rannten im Eiltempo zum Kölner Hauptbahnhof, damit wir noch rechtzeitig den Regionalzug nach Essen erwischen konnten. Mit uns fuhren Ralf B. mit seinem Assistenten Marcel W. und Regina mit ihrer Assistentin Conny S. Zuerst war die Rückfahrt sehr gut verlaufen. Doch plötzlich gab es ab Hauptbahnhof Düsseldorf in Richtung Essen - Dortmund Vollsperrung ... Unser Zug blieb plötzlich zwischen Düsseldorf HBF und Düsseldorf Flughafen stehen wegen Personenschaden. Deshalb musste der Zug zurück zum Düsseldorfer Hauptbahnhof. Wirklich ärgerlich für uns! Doch dank des guten Hörens der Assistentin Conny S. mussten wir nur auf dem gleichen Gleis im Hauptbahnhof Düsseldorf gegenüber in den ICE schnell umsteigen. Für diesen ICE gab es keine Vollsperrung! Der ICE brachte uns schon sehr schnell ans Ziel: Hauptbahnhof Essen. Hier im Hauptbahnhof Essen trennten wir uns. Schade, dass die schöne Zeit wie im Flug verging! Insgesamt war dieser Ausflugstag ein wunderschöner Supertag mit unvergesslichem abwechslungsreichen Erlebnissen.
Erläuterung über die Pendeltechnik bei der "Dunklen Wanderung"
Im öffentlichen Verkehr und in den Naturgebieten ist jede Pendeltechnik total unterschiedlich! In den Naturgebieten ist jede Leitlinie oft schwieriger. Hier ist jede lockere, aber kräftige Pendeltechnik sehr gefragt! Man muss hier den Langstock möglichst weit nach rechts schwingen und ihn vor dem eigenen Körper hochhalten, damit man sich gut und besser vom hohen Gras oder von Hecken oder Bäumen befreien kann.
Empfehlenswert ist hier die zylinderformige Rollspitze mit dem Durchmesser von 3 cm am Langstock. Erst bei der "Dunklen Wanderung" muss man sich mit der Augenbinde mehr konzentrieren. Nur so kann man sich besser konzentrieren bei den Leitlinien ohne Augenbinden bei den nächsten weiteren Wanderungen. Von 17 Teilnehmern trugen 11 Markierungswesten und Augenbinden. Nur 3 taubblinde Teilnehmern trugen keine Augenbinden, weil sie vollblind sind. 14 taubblinden Teilnehmer haben unterschiedliche Augenkrankheiten. Vor dem Start der "Dunklen Wanderung" waren einige Teilnehmer gut vorbereitet, weil sie vorher die Skizzen mit der Braille oder Großschrift studierten. Die anderen Teilnehmer ließen sich die Skizzen von ihren Assistenten/innen vorlesen.
Ich, Thomas Brumann, Vorstandsmitglied der Fachgruppe für die taubblinden und hörsehbehinderten Menschen im BSV NRW, möchte im Namen aller Teilnehmern ein Lob an Georg Cloerkes, Ausflugsorganisator der Selbsthilfe Gruppe Taubblinde Köln aussprechen!
Ich danke auch der Selbsthilfe Gruppe Taubblinde Köln. die uns diese schöne Veranstaltung ermöglicht hat.
Ich bedanke mich herzlichst bei meiner gehörlosen Assistentin Michaela K. für die ausgezeichnete Zusammenarbeit!
Ich möchte auch meinen Dank im Namen der Teilnehmern an allen Assistenten/innen und Begleitpersonen aussprechen! Ohne Euch kämen wir uns ganz schön verloren vor...
Dieser Tag wird für uns alle unvergesslich bleiben!