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Der leidenschaftliche Wanderer geriet in ein grünes Labyrinth

von Georg C.

Siegfried und sein gehörloser Begleiter machten eine 20 km lange Wanderung in den Alpen. In über 10 Jahren Orientierungs- und Mobilitätstraining hatte er gelernt, mit der Rollspitze seines Langstockes unebenen und ebenen, harten, weichen, sandigen, steinigen Boden zu erkennen. Mit diesen Erfahrungen konnte Siegfried den größten Teil der langen Wanderung alleine ohne Führung laufen.

Jahrelang war dem usherbetroffenen, taubblinden Siegfried, der über einen kleinen Sehrest verfügte, nichts passiert. Eines Tages jedoch verliert er bei einer Wanderung die Orientierung.

Bei gutem Wetter begleitet Siegfrieds 70jähriger Vater ihn mit dem Rad. Wie funktioniert diese Begleitung? Siegfried als guter Sportler läuft so schnell wie möglich die abgesprochene Wegstrecke, während sein Vater mit dem Fahrrad fährt und an der nächsten Kreuzung oder Gabelung auf ihn wartet, wo sie beide dann über den nächsten Weg diskutieren. Ist der Vater noch nicht da, wartet Siegfried auf ihn. Dies tut er, um die Gesundheit seines Vaters zu schonen und um Aufregung zu vermeiden.

An einem Donnerstag Vormittag fahren Siegfried und sein Vater zum Parkplatz der Kleingartenkolonie Müngersdorf, die direkt an der Bahnstrecke zwischen Köln und Aachen liegt. Wie gewohnt hilft Siegfried, das Fahrrad aus dem Auto zu schieben. Da er sich schon viele Jahre in dem Gebiet auskennt, geht er selbständig los. Er geht so schnell wie möglich einen breiten abgesperrten Weg, auf dem PKWs parken dürfen, wenn Fußballspiele des 1. FC Köln stattfinden. Er erreicht die 4-spurige Aachener Straße, wo sein Vater bereits an der Ampel auf ihn wartet. Siegfried ist sich nicht sicher, ob er die Ampel erkennen würde. Es könnte passieren, dass er von der grellen Sonne stark geblendet würde und in dieser Not wäre er ohne die Hilfe seines Vaters vollkommen hilflos und müsste umkehren. Beim Überqueren der Straße und der Straßenbahnschienen benötigt Siegfried Begleitung, danach geht er alleine und vergnügt weiter Richtung Fußballstadion, wo auch die Fußballweltmeisterschaft stattfand. Vor dem Stadion biegt er rechts ab, überquert einen ehemaligen belgischen Sportplatz und gelangt an eine südwestliche Gabelung unweit vom Adenauer Weiher. Dort wartet sein Vater schon. Sie besprechen den nächsten Treffpunkt und trennen sich wieder. Der Vater fährt nach Süden und Siegfried geht auf einen hellen Punkt im Tunnelblick des Waldes zu. Dort angekommen kann er trotz dunkler Sonnenbrille wegen eines unmöglichen Kontrastes durch die starke Sonnenblendung nichts mehr erkennen. Aus Erfahrung kann Siegfried sofort reagieren und konzentriert sich mithilfe seines vertrauten Langstockes auf den rechten Rasenrand. Der bildet eine gewohnte Leitlinie für ihn und allmählich stört ihn die grelle Sonne nicht mehr. Es ist so, als hätte er sich an eine Sonnenfratze gewöhnt. Wie durch einen hellen Nebel sehend, verfolgt Siegfried den Rasenrand. Eigentlich hätte Siegfried geradeaus bis zur nächsten Kreuzung gehen sollen, wo sein Vater ihn erwartet, doch dann geschieht etwas.

Siegfried übersieht eine Gabelung und läuft einen Weg entlang, den er viele Jahre nicht mehr benutzt hat, er kommt zu einem schmaleren Pfad am Waldrand. Jetzt bemerkt er seinen Fehler, ein Fehler, der aus Müdigkeit und nachlassender Konzentration geschehen war. Er kehrt um und geht an der rechten Seite des Pfades bis zur Gabelung. Doch welche der zwei Gabelungen soll er nehmen, wohin abbiegen? Er folgt seinem Instinkt und wählt den zweiten Weg in Richtung Westen. Wie sich herausstellt, war es die falsche Gabelung, denn sein Vater befand sich an der Kreuzung im Süden. Nun gerät Siegfried unbemerkt in ein grünes Labyrinth.

Derweil wartet der Vater an der anderen Kreuzung auf Siegfried. Nach einer Weile besteigt der Vater aufgeregt das Fahrrad. Auf dem Weg zum Adenauer Weiher findet er seinen Sohn nicht. An der Gabelung, wo sie sich getrennt hatten, wartet er nochmal und überlegt, ob Siegfried vielleicht alleine zur Aachener Straße zum Auto zurückgegangen sein könnte. In heller Aufregung sucht er noch eine halbe Stunde, jedoch ohne Erfolg, er fährt zum Auto zurück, lädt das Fahrrad ein und fährt aufgeregt nach Hause, um Hilfe zu holen.

Unterdessen wartet Siegfried minutenlang im Westen des Stadtwaldes auf einem asphaltierten Radweg in einem ihm unbekannten Gebiet. Er fragt sich, ob der Vater ihn mit dem Fahrrad finden wird. Er wird ungeduldig, was soll er tun? Soll er warten, soll er gehen, aber in welche Richtung? Er überlegt auf einem anderen, kürzeren Weg nach Osten, den abgemachten Treffpunkt an der südlichen Kreuzung zu finden, wo er seinen Vater überraschen könnte. Da lächelt er und beschließt den Weg nach Osten. Dann merkt er sich diesen Ort und nennt ihn "West". Es könnte ja sein, dass er wieder hierhin zurücklaufen muss. Er wählt den Radweg nach Osten und geht gespannt los. Auf dem dunklen, schattigen, asphaltierten Weg kann er sich gut orientieren. Siegfried hofft, den richtigen Weg zu finden, wobei er Autos erkennen würde, die auf der Dürener Straße fahren. Nach einer Weile wird er unsicher und kehrt frustriert zum Ort "West" zurück. Was soll er nun tun? Er beschließt, wieder zur Lichtung zu gehen. Mit seinem Langstock spürt er den Rasenrand und den harten Boden, so erreicht er eine Wiese an einem anderen Waldrand und einen ansteigenden, unebenen Weg, den er nicht kannte. Wieder geht er zurück und verfolgt die andere Seite des Rasenrandes, er findet eine Gabelung mit einem gut gepflegtem Weg. Jetzt macht er eine Verschnaufpause und sieht sich in der Gegend um, kann jedoch nichts erkennen. Beim Weitergehen begegnet er einem alten Mann. Mutig spricht Siegfried ihn an und fragt nach dem Weg zum Adenauer Weiher. Leider kann ihn der Mann nicht verstehen. Siegfried entschuldigt sich und geht weiter. Ihm fällt ein, dass er einen Notizblock mit Stift hätte mitnehmen sollen. Warum hatte er nicht daran gedacht! Er hätte sich notfalls verständigen können. Es war aber auch jahrelang nichts passiert, bis heute! Orientierungslos geht er vorwärts, bleibt instinktiv stehen, als er gegen Äste stößt, ohne sich zu erschrecken. Wieder sieht er sich verwirrt in der Gegend um, da fragt er sich skeptisch, ob er diesen Weg ohne Hindernis zum Ort "West" ging. Vielleicht muss er später wieder an diesen Ort zurück, darum nennt er den Orientierungspunkt "Äste". Nach einer kleinen Pause, in der er hungrig an den Fisch denkt, den es zum Mittagessen geben sollte, kehrt er um. Nach wenigen Minuten erreicht er den Ort "West". Was soll er nun weiter tun?

Währenddessen spricht der aufgeregte Vater zu Hause mit seiner Frau, die das Essen vorbereitet. Sie diskutieren und überlegen, was zu tun ist. Sie fragen sich, ob sie die Polizei rufen sollen. Die Mutter schüttelt den Kopf und meint, dass sie schnell wieder zum Adenauer Weiher fahren sollten, um weiter nach Siegfried zu suchen. Sie wollen versuchen, mit dem Handy Kontakt zu Siegfried aufzunehmen.

Am Ort "West" entscheidet sich Siegfried verzweifelt für einen anderen Radweg und läuft schnell vorwärts. Nach ca. 15 Minuten kehrt er wieder nach "West" zurück, weil er hier die gesuchte Lichtung nicht fand. Er begegnet einer hübschen Frau, die er tapfer anspricht. Als Siegfried ihre Unsicherheit bemerkt, gebärdet er ein Zeichen "See und Wasser". Da lächelt die Frau ihn an, führt ihn und kann ihm wenigstens zeigen, wo der Adenauer Weiher liegt. Siegfried versteht es und dankt ihr. Noch einmal geht er zurück zum Ort "West". Nun muss er sich sehr auf den gut gepflegten Weg konzentrieren, um von da aus den Ort "Äste" zu finden. Hier hält er inne und sieht sich erneut um. Er sagte sich: "Um Himmels willen! Ich hätte beachten müssen, dass ich die Seiten des Weges gewechselt habe und jede Seite verschieden ist. Dies hätte mir die Orientierung erleichtert! Ich Schlafmütze!" Er geht weiter, die Lichtung wird größer, er schöpft Hoffnung und findet schließlich die Gabelung wieder, an der er abgelenkt worden war und deshalb den Adenauer Weiher nicht finden konnte. An dieser Gabelung überlegt Siegfried kurz und will prüfen, ob er den gewohnten Weg wirklich wieder erkennt. Deshalb geht er nach rechts weiter, spürt eine leichte Steigung und findet die Rinnsteine wieder. Er ist erleichtert, als er sofort den Weg erkennt, der zur südlichen Kreuzung führt, an der sein Vater gewartet hatte. Er weiß, dass sein Vater vielleicht nicht mehr da sein könnte. Er überlegt angestrengt und kommt zu der Lösung, zur südwestlichen Gabelung, an der er und sein Vater sich zuletzt getrennt hatten, zurück zu kehren. Wieder kehrt er um und läuft frohlockend und siegreich gen Norden zur Gabelung gegenüber dem Adenauer Weiher. Er geht noch ein Stück weiter, erkennt prüfend den Weiher und kehrt zum Ausgangspunkt zurück.

Er wartet dort gelassen und blickt auf sein Handy. Es war keine SMS gekommen. Ein Rätsel für die Mutter, die die ganze Zeit versucht hatte, zu simsen. Damit seine Mutter sich nicht aufregt, wollte er ihr auch nicht simsen und steckt das Handy wieder fort. Nach ca. 10 Minuten kommt sein Vater. Er atmet erleichtert auf und fragt Siegfried, was geschehen war. Siegfried zeigt ihm lächelnd die Gabelung mitten auf der riesigen Wiese und erklärt ihm dabei, dass diese ihn abgelenkt hatte. Dem Vater fällt ein, dass er nicht an diesen nie genutzten Weg gedacht hatte und entschuldigt sich. Siegfried lacht ihn an und sagt strahlend, dass er einen Kampf gewonnen hatte und der Sieger sei.