Seminar für Angehörige und taubblinde Menschen in Recklinghausen
S. Martin, I. Reichstein, M. Pompe
Am 24. Oktober 2009 fanden erstmalig zwei Seminare für taubblinde Menschen und Angehörige von Taubblinden (Partner, Eltern, Geschwister, Kinder etc.) in Recklinghausen statt. Organisiert wurden diese Seminare im Rahmen der Taubblinden - Assistenten - Ausbildung. Das Thema "Taubblindenassistenz" wurde in beiden Gruppen 4 Stunden (mit Pausen) besprochen und diskutiert.
Inhalte waren u. a.:
- Umgang mit einer Assistenz (vor dem Einsatz, beim Einsatz und nach dem Einsatz)
- Unterschied von Aufgaben von Angehörigen und Assistenten
- Erfahrungen austauschen
- Fragen zum Thema Assistenten
In 2 Artikeln berichten Frau Pompe (Seminar Taubblinde) und Frau Reichstein (Seminar Angehörige) über ihre Eindrücke an diesem Tag.
Sandra Martin
(Taubblinden - Assistenten - Ausbildung, Recklinghausen)
E-Mail: s.martin(ät)gl-beratung-re.org
Seminar für taubblinde Menschen -
Thema: Wie wende ich Assistenz an?
Dieser Teil des Seminars war für Taubblinde bestimmt. Wir konnten unsere eigenen Fragen stellen - mithilfe von Assistenten. Tom Temming und Ute Rösing (Dozenten) wiederholten unsere Beiträge, so dass jeder alles mitbekam. Keine Eile, kein Stress, denn wir kannten uns ja alle.
Im Konferenzraum trafen sich Seminarteilnehmer, Assistenten und Dozenten. Ute Rösing und Tom Temming haben einen Beispieleinsatz vorbereitet. Dann haben sie Fragen gestellt und wir haben unsere Antworten diskutiert. Diskutiert haben Teilnehmer und Dozenten. Die Assistenten haben bei der Kommunikation assistiert. Sie haben nicht mitdiskutiert!
Im Beispieleinsatz tauchten viele Fragen auf, z. B.:
- Wie vereinbare ich einen Termin mit meiner Assistenz?
- Welche Informationen braucht die Assistenz bevor es losgeht?
- Wie lange kann eine Assistenz arbeiten?
- Wann mache ich Pause?
- Ist meine Pause auch eine Pause für meine Assistenz?
- Wie viel Fahrgeld braucht die Assistenz, kann ich vor dem Einsatz schon fragen?
- Wie läuft die Rückmeldung?
- Was kann die Assistenz besser machen?
- Was kann ich besser machen?
Ich weiß, dass Ute und Tom aus unseren Antworten und den Diskussionen einen Leitfaden entwickeln. Wenn er fertig ist, können wir ihn alle lesen. Wir kommen dann unsere Assistenzen und uns besser auf Einsätze vorbereiten.
Ich bin schon sehr gespannt auf den Leitfaden!
Ich bin mit vielen Erkenntnissen nach Hause gegangen:
- Es gibt Taubblinde, die sich viele Stunden konzentrieren können. Es war von einem Einsatz die Rede, der über 9 Stunden ging - und am nächsten Tag noch weiter. Ich dachte nicht, dass so etwas möglich wäre.
- Wie viele Assistenten brauche ich für einen solchen Einsatz?
- Wie regele ich Arbeitszeiten und Pausen meiner Assistenten bei so einem Einsatz? Ich muss ehrlich zugeben, dass ich diesen Fall noch nicht hatte. Mir geht schon nach 2 bis 3 Stunden die Puste aus. Unsere Assistenten sind auch nur Menschen und brauchen auch Pausen.
Ich kann meine Assistenz vor dem Einsatz nach dem von ihr benötigten Fahrgeld fragen. Das ist für mich sehr wichtig.
Ich habe auch gelernt, dass man sich nach dem Einsatz kurz unterhalten kann:
- Was fand ich gut?
- Was kann man besser machen?
- Wie hat sich meine Assistenz gefühlt?
Diese Fragen auszusprechen habe ich auf diesem Seminar gelernt. Das ist mir auch sehr wichtig.
Denn: Gestellt habe ich sie mir bisher auch, aber allein keine zufrieden stellenden Antworten gefunden. Nach einem Einsatz bin ich immer sehr müde. Deshalb bevorzuge ich die Rückmeldung per Email.
In dem Seminar selbst saßen wir in einem hellen, luftigen Raum. Es war sehr leicht, dem Seminar zu folgen. Das war sehr angenehm. Die Atmosphäre war freundlich. Wir haben auch eine Pause gemacht. Es gab Zeit für Bewegung und Reflexion.
Ich habe das Seminar sehr genossen!
Viele Teilnehmer des Seminars haben den Wunsch ausgedrückt, wieder ein solches Seminar besuchen zu wollen. Wir hoffen sehr, dass es ein weiteres Seminar in so angenehmer Atmosphäre geben wird.
Mina Pompe
E-Mail:taubblindenwelt(ät)tbl-telefon.de
(Im Bild von links nach rechts: M. Pompe, Assistentin C. Szypula, Assistentin B. Brunschier)
Erstes Seminar für Angehörige von taubblinden Menschen
Am 24. Oktober 2009 fand ein erstes Seminar für Angehörige taubblinder Menschen statt. Neben einem ersten Kennenlernen und dem Austausch von Erfahrungen stand der Umgang mit taubblinden Assistenten im Vordergrund der Veranstaltung. Seit nunmehr einem Jahr stehen in NRW die ersten professionell ausgebildeten Assistenten zur Begleitung taubblinder Menschen zur Verfügung. Ein zweiter Lehrgang wird in diesen Wochen fertig.
Was bedeutet dies für taubblinde Menschen und ihre Angehörigen und wozu ein Seminar mit diesem Thema?
Für taubblinde Menschen bedeutet es, dass sie unabhängig von Zeitplänen und Vorstellungen der Familienangehörigen selbständig und dennoch sicher zu eigenen Zielen wie z. B. Treffen mit anderen taubblinden Menschen bewegen können. Die völlige Abhängigkeit von Familienangehörigen oder auch Freunden weicht somit einer Selbständigkeit, die ein selbstbestimmtes Leben erleichtert und ein neues Selbstwertgefühl ermöglicht. Für die Angehörigen stellt dies eine sehr große Entlastung dar.
Sandra Martin, Dipl. Heilpädagogin und zuständig für die Ausbildung der Assistenten für taubblinde Menschen, und Marja Hummert, Dipl. Psychologin und Gebärdensprachdolmetscherin, haben die Ausbildungsinhalte und -ziele zusammen mit den Seminarteilnehmern erarbeitet, um falschen Erwartungen vorzubeugen. Die Assistenten beherrschen alle notwendigen Kommunikationsformen und sind geschult, die taubblinden Menschen auch in anderen Dingen des Alltags zu unterstützen. Dabei wird wo immer möglich, Hilfe zur Selbsthilfe geleistet, z. B. bei Arbeiten im Haushalt. Grundsätzlich bleibt der Assistent ein Betreuer für eine bestimmte Zeit und wird nicht zum Vertrauten oder Freund, sondern hält einen gewissen Abstand. Außerdem ist er auch kein Dolmetscher, kann also bei Behörden- oder Arztbesuchen nur zur Begleitung eingesetzt werden. Parallel fand eine ähnliche Veranstaltung für die Taubblinden statt, damit auch sie besser und richtig verstehen, was sie von einem Assistenten erwarten können und was nicht. Die Seminare für beide Gruppen werden zweifellos dazu beitragen, dass die Zusammenarbeit von Taubblinden, Angehörigen, Assistenten und Dolmetschern reibungsfrei verläuft.
Die Veranstaltung für die Angehörigen endete mit einer kleinen Übung zur Stressbewältigung, denn eines wurde gleich in einer sehr emotionalen Vorstellungsrunde sehr deutlich: Die Belastung ist sehr hoch und Hilfe oder Unterstützung gibt es sehr wenig - die Assistenten sind hier ein Anfang, der hoffen lässt.
Für mich persönlich war es der erste Erfahrungsaustausch dieser Art mit anderen Angehörigen. Er hat einmal mehr gezeigt, dass die minimalistische Unterstützung und Beachtung taubblinder Menschen in unserem Land bislang im krassen Kontrast steht zu der hohen Belastung der Betroffenen. Umso größer ist die Hoffnung, dass die Ratifizierung der UN - Behindertenrechtskonvention zu den Rechten behinderter Menschen nun auch Folgen zeigt.
Irmgard Reichstein