"Hoffnung ruht auf dieser Ausbildung"
Landesregierung finanziert den dritten Kurs für Taubblinden-Assistenten
Recklinghäuser Zeitung:
Es geht weiter. Ab April wird im Integrationszentrum für Hörgeschädigte und Hörsehbehinderte am Oerweg in Recklinghausen die dritte Gruppe von Taubblindenassistenten ausgebildet. "Das Ministerium für Soziales übernimmt die Kosten", versprach NRW-Staatssekretär Dr. Walter Döllinger auf der Abschlussfeier des zweiten Ausbildungsgangs.
Für die Betroffenen eine gute Nachricht. Auch für den taubblinden Ludger Nienhaus aus Dorsten-Rhade. "Es ist für uns so wichtig, dass diese Arbeit weitergeht", sagte Mechthild Robert, die mit ihrem Bruder nach Recklinghausen gekommen war.
Staatssekretär Döllinger erklärte, es sei nun mit den Verbänden zu klären, wie eine dauerhafte Ausbildungsfinanzierung gesichert werden könnte. Dass die Arbeit der Taubblindenassistenten für rund 600 Betroffene in NRW unverzichtbar sei, stand für den Regierungsvertreter außer Frage.
Buchstäblich bis zur Abschlussfeier im Gehörlosenzentrum hatte es die Landesregierung an einem klaren Bekenntnis zur Zukunft der Assistentenausbildung fehlen lassen. Noch in seiner Begrüßung sah sich Hermann Riekötter, Vorsitzender des Fördervereins für hörbehinderte und hörsehgeschädigte Menschen in West Recklinghausen, zu einem letzten eindringlichen Appell genötigt: "Die Hoffnung der taubblinden Menschen ruht auf dieser Ausbildung."
"Raus aus der unfreiwilligen Isolation", für Dieter Zelle, Betroffener und Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Taubblinden, sind Assistenten die einzige Möglichkeit, das zu erreichen. Notwendig seien mindestens zwei qualifizierte Helfer für jeden Betroffenen, so Zelle. Ihr Einsatz ist vielschichtig und anspruchsvoll und sieht in der Regel keine Pause vor. "Ich kann ja nicht mal eben Kaffee trinken gehen und meinen Schützling allein lassen", sagt Taubblindenassistentin Ulrike Hampel. Neben dem Dolmetschen durch Lormen oder taktiles Gebärden gehören Handreichungen beim Essen und Trinken, beim Anziehen oder am Computer dazu, damit Taubblinde den Alltag meistern können.
"Wir wollen in zehn Jahren 300 Taubblindenassistenten ausbilden", heißt für Hermann Riekötter das Ziel.
Neben der Ausbildung müsse aber dann auch die Frage der Finanzierung von Assistenz geklärt werden, betonte Karl-Heinz Jakobs vom Deutschen Taubblindenwerk in Hannover im Gespräch mit unserer Zeitung. "Dafür ist es wichtig zu klären, inwieweit es sich beim Taubblindenassistenten um einen eigenständigen Beruf handelt."
Außerdem müsse grundsätzlich festgelegt werden, wer für die Bezahlung der Assistenten zuständig sei. Das sei zum Beispiel über Träger wie Landschaftsverbände möglich.
Es sei ohnehin höchste Zeit, die Taubblindheit gesetzlich als besondere Behinderung mit einem speziellen Merkzeichen in Behindertenausweisen anzuerkennen. "Dann gäbe es auch die Chance, über eine Rente - ähnlich dem Blindengeld - Taubblindenassistenz zu bezahlen."
Die meisten Assistenten sind bislang für eine symbolische Aufwandsentschädigung von 30 Euro pro Tag im Einsatz.
Martina Möller
Daten zum Integrationszentrum
- Rund 1,8 Million Euro hat der Neubau des Integrationszentrums, der nach vielen Schwierigkeiten im Förderverein inzwischen behindertengerecht fertig gestellt werden konnte, gekostet.
- Das Land NRW hat die beiden ersten jeweils acht Monate dauernden Ausbildungsgänge für Taubblindenassistenten mit 324.000 Euro finanziert.
- Mehr als 1 Million Euro hat die Stiftung Wohlfahrtspflege für das Projekt bereit gestellt. Die "Aktion Mensch" steuerte weitere knapp 340.000 Euro dazu.
- Ab 1. April soll nach dem Ausscheiden von Beraterin Sandra Martin, die nur einen befristeten Arbeitsvertrag bis Ende März hatte, die Beratungsstelle für Taubblinde und Hörsehgeschädigte am Oerweg in Recklinghausen personell wieder neu besetzt werden.
(Anmerkung der taubblindenwelt.de: Die Stelle ist inzwischen neu besetzt, Frau Susanne Kirschbaum ist Ansprechpartnerin in Fragen der Assistenzausbildung)